“Geschenkt ist geschenkt, wiederholen ist gestohlen”, so lautet
ein alter Kinderspruch, und was für Geschenke gilt, gilt für
Käufe ja wohl erst recht, oder? Google sieht das anders und hat in
Android eine Funktion implementiert, die das Löschen von Apps erlaubt.
Diese Funktion wurde im Juni
verwendet,
um zwei von Jon Oberheide
entwickelte
Proof-Of-Concept-Apps zu löschen: RootStrap, das sich regelmäßig mit einem
Server verbindet und ggf. weiteren Code nachladen kann, und “Twilight
Eclipse Preview”, eine als Vorschau für den Film “Twilight Eclipse”
getarnte Version von RootStrap
(Vortrag).
Nett von Google, nicht wahr? Immerhin wird so “Schadsoftware” gelöscht,
und die
Android Market Terms of Service
erlauben Google das Löschen:
“2.4 From time to time, Google may discover a Product on the Market
that violates the Android Market Developer Distribution Agreement or other
legal agreements, laws, regulations or policies. You agree that in such an
instance Google retains the right to remotely remove those applications
from your Device at its sole discretion and without notice to you.”
Wirklich zuvorkommend. Oder? “that violates the Android Market
Developer Distribution Agreement or other legal agreements, laws,
regulations or policies” – schwammiger ging es wohl nicht? Man
kauft eine App, Google gefällt die aus welchen Gründen auch immer
irgendwann mehr nicht, und schwups, sind App und Geld weg? Also ich
entscheide eigentlich gerne selbst, welche Programme auf meinen Geräten
laufen. Und welche nicht, aber dazu komme ich gleich noch.
Amazon löscht, Apple löscht – Google ist nicht allein
Google ist nicht der einzige, der so etwas macht, auch Amazon ist in der
Hinsicht ja bereits
negativ aufgefallen,
als ungefragt die Romane “1984” und “Animal Farm” von Kindle-Geräten
gelöscht wurden. Der Unterschied zu Google: Amazons
Terms of Service Agreement
sah das Löschen nicht vor, sondern
gewährt
im Gegenteil das “right to keep a permanent copy of the applicable
Digital Content”. Und auch in Apples AppStore gibt es die
Möglichkeit, Programme aus der Ferne
zu löschen.
Interessant, was sich die Hersteller bzw. Händler da erlauben. Was
die jeweiligen Verantwortlichen wohl sagen würden, wenn da z.B.
morgens um 8 der Lebensmittelhändler an der Haustür klingelt und
den Kühlschrank leer räumt, weil er der Meinung ist, dass das bei
ihm gekaufte Essen nicht (mehr) seinen Vorstellungen entspricht? Wie
jetzt, Sie meinen, wenn das Essen verdorben wäre, wäre das doch
wunderbar? Stimmt. Nur steht da bei Google oder Apple nichts von
“verdorben”, und bei Amazon war das Löschen nicht mal vorgesehen.
“Löschen ist gut, Installieren ist besser!”…
.. hat sich zumindest Google gesagt und in Android auch eine Funktion zum
Installieren von Apps eingebaut.
Laut Jon Oberheide
halten die Android-Geräte ständig Verbindung mit Googles GTalk-Servern,
von denen sie nicht nur die Anweisung zum Löschen einer vorhandenen
App, sondern auch zum Installieren einer neuen App erhalten können. Google
kann also jederzeit nach Belieben Apps löschen oder installieren. “Big
Brother is watching you”?. Aber das ist noch nicht alles. Jon Oberheide
hat den App-Installationsprozess noch
detaillierter beschrieben:
Google sendet über eine SSL-Verbindung eine ‘INSTALL_APP’-Nachricht an
die Installationsroutine, die auch den SHA-1-Hashwert des Installers der
Anwendung enthält. Die ‘INSTALL_APP’-Nachricht selbst ist nicht
signiert und nur durch die SSL-Übertragung abgesichert. SSL
garantiert aber nur eine Punkt-zu-Punkt- und keine Ende-zu-Ende-Sicherheit,
die Nachricht könnte theoretisch manipuliert und darüber
Schadsoftware eingeschleust werden, worauf auch Nate Lawson
hingewiesen hat.
Zugegeben, ein MitM-Angriff ist nicht ganz trivial, dafür sind die Folgen
eines erfolgreichen Angriffs aber auch fatal.
Und nun?
In Zeiten des “always on(line)” ist es für die Hersteller und Verkäufer von
Hardware und digitalen Gütern natürlich verlockend, die sich dadurch
ergebenden Möglichkeiten zu nutzen. Sei es, um den Standort von Geräten
oder Programmen zu verfolgen, wie es sich aktuell Apple mit seinen neuen
Datenschutzbestimmungen abnicken lässt, was der Bundesjustizministerin
gar nicht gefällt,
sei es, um einmal verkaufte Artikel löschen zu können oder weitere
Programme zu installieren. Natürlich haben z.B. die Marktplätze
für Smartphone-Anwendungen Vorteile, wenn darüber keine Schadsoftware
vertrieben wird und notfalls schädliche Programme aus dem Verkehr gezogen
werden können. Was wahrscheinlich öfter mal nötig sein wird, da dass mit den
Prüfungen nicht so ganz klappt, wie z.B. Derek Brown und Daniel Tijerina
von TippingPoint im März auf der RSA-Konferenz
demonstriert haben.
Nur darf das dann nicht heimlich, still und leise geschehen, sondern muss
offen angekündigt und begründet werden und außerdem von der
Zustimmung des jeweiligen Benutzers abhängig sein. Wenn es sich
wirklich um Schadsoftware handelt, wird der i.A. dem Löschen
zustimmen. Es gibt also eigentlich überhaupt keinen Grund, ungefragt
zu Löschen und die Benutzer vor vollendete Tatsachen zu stellen (und
es denen womöglich nicht mal mitzuteilen). Wer sich trotzdem
entsprechende Rechte einräumen lässt, wie Google es mit dem
“at its sole discretion and without notice to you” tut, hat
zumindest in meinen Augen sämtliches Vertrauen verspielt und mein
Misstrauen geweckt.
Vertrauen oder Misstrauen sind gut, Kontrolle wäre besser
Das große Problem dabei: Der Anbieter hat die Kontrolle, der Benutzer
das Nachsehen. Bisher gab es nur sehr wenige Löschaktionen, und
Installiert wurde nach bisherigen Kenntnisstand noch gar nichts. Trotzdem
sollte man sich schon mal Gedanken darüber machen, was man in Falle
eines Falles machen würde. Immerhin zeigen die Anbieter doch recht
deutlich, was sie von ihren Kunden halten. Und solange es keine wirklichen
Alternativen gibt, ist das eine ziemlich miese Aussicht. Pest oder
Cholera, Regen oder Traufe, wirklich eine tolle Auswahl. Ich bin richtig
froh, dass ich kein Smartphone habe und mir darüber keine Gedanken
machen muss. Ein Netbook mit Android als System kommt mir nach diesen
Informationen nicht ins Haus, da gibt es zum Glück genug Alternativen.
Bleibt noch das iPad, für das ich zur Zeit aber auch keine Verwendung
hätte. Und bis das die von mir gewünschten Funktionen hat, gibt
es sicher auch brauchbare Alternativen.
Carsten Eilers